Erwachsen werden heißt Dazugewinnen
Wir glauben, Erwachsenwerden ist ein Prozess von Dazugewinnen. Es kommen Dinge hinzu, die Relevanz zu haben scheinen, etwas wie beispielsweise Reife und Vernunft, Dinge, die wir in der erwachsenen Welt zu brauchen. Was, wenn wir anders draufschauen und behaupten, erwachsenwerden ist auch ein übrigbleiben. Nämlich all das uns als Kind, nachdem Anpassung, Erziehung, Prägung und Familienhistorie die Kanten abgeschliffen haben und übrig bleiben wir, die sich plötzlich schwer tun mit Dingen, die Kinder völlig selbstverständlich können. Selbstverständlich Nein sagen, wütend sein, weinen, uns von Herzen freuen und direkt und unverblümt fragen. Heute finden wir heraus, dass unsere Nervensystem Verbundenheit, Spiel und gemeinsames gestalten brauchen und Unternehmen zahlen viel Geld dafür, ihren Managern genau das beizubringen.
Das Nein, das fehlt
Wie oft sitze ich mit Geschäftsführern und Unternehmerinnen zusammen und sie erzählen mir von ihrer Angepasstheit, ihren Erinnerungen früher ganz anders gewesen zu sein. Wie oft begegnet mir Scham und Betroffenheit, wo Wut und Klartext hingehören würden. Unter wie vielen Schichten ist das Nein vergraben, das es bräuchte? Dem anderen nicht vor den Kopf stoßen wollen, nicht unverschämt sein wollen, nicht egoistisch wirken wollen, nicht ausgerenzt werden wollen und Sorge haben nicht mehr gemocht zu werden.
Kindliche Direktheit
Machen Kinder sich diese Gedanken? Erst dann, wenn wir sie ihnen mitgeben. Davor wird laut lacht, wild fragt, sofort geweint, sich verbunden, heute gelebt und sich wütend die Freundschaft gekündigt, nur um 10 Minuten später wieder miteinander zu spielen. Weil sie wissen, dass die Emotionen durchlaufen müssen, weil sie Regulation intuitiv richig machen und weil sie nicht überinterpretieren, wenn sie sich sicher fühlen. Unvorstellbar heute als Erwachsene auch so miteinander zu sein. Darum finden wir denselben Mensch 40 Jahre später in irgendeinem Meeting: kontrolliert, funktional, still, aushaltend und danach heimlich Breathwork machen und in der Therapie darüber sprechen.
Was brauchen Erfolg und Gesundheit
Erwachsenwerden heißt sich all das beizubehalten, was die Eltern selbst tragen und halten können, ohne mit ihrer eigenen Scham konfrontiert zu sein. Überschreiten wir den Kipppunkt gehen wir in die Anpassung und vergraben diese wunderbaren Eigenschaften.
Doch schauen wir mal hin, was Erfolg und Gesundheit heute ausmacht? Es ist die Fähigkeit offen und neugierig zu bleiben, um nicht irgendwo zu stagnieren und uns im Kreis zu drehen. Es ist das kindliche Lernenwollen und direkt fragen, was uns dabei hilft. Es ist unsere Kreativität, die uns immer wieder neue Lösungen schaffen lässt, die wir spielerisch entdecken, so wie Kinder ihre Welt entdecken. Es ist die Fähigkeit uns auch nach den aufwühlendsten Momenten wieder zu regulieren und loszulassen. Es ist das Weinen und wütend sein, dass diesen Prozess auf den Weg bringt. Die Fähigkeit Grenzen zu setzen und Nein zu sagen, um Komplexität zu reduzieren und nicht zu viel von dem reinzulassen, das nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es ist Präsenz und die Fähigkeit im jetzt und heute zu sein, um weiterzukommen, anstatt in Altem festzuhängen, das noch unbearbeitet ist. Und es sind die Beziehung und Bindungen zu anderen, die mitmachen und helfen. All das sind Eigenschaften von Kindern, die wir nicht nur abtrainieren, sondern auch gedanklich als kindisch abtun und uns stattdessen an Disziplin und Härte abarbeiten. Dabb wundern wir uns, dass es zäh wird — dabei liegt das Kapital in dem, was wir als kindisch aussortiert haben.
Emotionen machen es schwer
Die größte Herausforderung sind dann nur mehr die Emotionen, die uns einbremsen, wenn wir diese Eigenschaften wieder hervorholen. Scham, Sorge, Angst, Vorsicht, Verunsicherung. Sie alle flüstern uns ins Ohr, dass das nicht erwachsen sei, nicht professionell, nicht reif. Sie sind die Hindernisse und Ablenkungen, die es zu verstehen gilt, statt uns von ihnen lenken zu lassen. Es ist Überlebensstrategie, die uns zuflüstert, dass dies nicht zu unserer Persönlichkeit passen würde. Dabei ist es nur der Versuch, die Angst zu vermeiden und die Überlebensstrategie am Leben zu halten. Muster ablegen heißt auch immer wieder etwas zurückzuholen, das weg zu sein scheint. Und vielleicht beginnt die Reise damit, Dich zu fragen, was dir am meisten fehlt von all den abgelegten Selbstverständlichkeiten und welche davon dir am meisten weiterhelfen würden in Deinem Leben.
Herzlich,
Simon Holz