Dein Unternehmen oder das alte Muster loswerden?
Schlaflose Nächte
Es ist 3 Uhr nachts und Du starrst auf Dein Smartphone. Eigentlich solltest Du schlafen, denn in 4 Stunden ist die Nacht vorbei und es warten Termine, feinsäuberlich aneinandergereiht in Deinem Kalender. Es geht durch bis fast 18 Uhr. Knapp 12 Stunden, nichts Besonderes, Routinetermine, ein Mittagessen, Steuerberater, 2 Kunden und Orgakram. Du hast keine Idee, warum Du gerade diese Nacht wachliegst, was soll schon sein? Nichts Kritisches, nichts Aufreibendes, nichts Unabsehbares erwartet Dich und doch bist du hellwach. Nicht das erste Mal diesen Monat. Als Selbständige und Unternehmer kennen wir das schon, all die Verantwortung und Komplexität, die uns oft gar nicht mehr auffällt, weil sie Alltag ist. Weil wir sie gewohnt sind und gut darin sind, die Dinge zusammenzuhalten. Aber irgendwas in uns hat sich nie dran gewöhnt. Diese Unruhe, die wir ungern ansprechen, damit sie nicht größer wird. Das Rattern im Kopf, weil es mehr To Dos als Stunden pro Tag gibt und es sich immer anfühlt wie zu wenig. Vielleicht zu wenig Zeit, zu wenig Energie, zu wenig Disziplin, zu wenig Struktur, zu wenig Stärke, zu wenig Überblick, zu wenig Kontinuität, zu wenig Konsequenz, zu wenig Vorbild, zu wenig Enthusiasmus. Irgendwas fühlt sich immer zu wenig an und dadurch wird es viel. Viel Arbeit, viele To Dos, viel Komplexität, viel Veränderung, viel Last, viel Anforderung, viel Anspruch, viel Wunsch, viel Ehrgeiz, viel zu viel.
Obamas weißes T-Shirt
Zum Glück gibt es diese unsichtbare Reißleine, die wir immer mit uns tragen. Sie gibt Sicherheit, weil wir wissen, dass es immer eine Exitstrategie gibt. Es ist die große Version der 100.- Bargeld im Geldbeutel, die wir nie brauchen, aber doch ein sicheres Gefühl geben, weil sie da sind. Diese Reißleine, die uns durchatmen lässt, weil wir aussteigen könnten. Man muss diese Reißleinen ernst nehmen, denn selbst die Mächtigsten tragen sie bei sich. Barack Obama hatte mit seinem Stabschef Rahm Emanuel einen stillen Code für die zähen Tage im Weißen Haus: Sie würden alles hinschmeißen, nach Hawaii gehen und einen kleinen Laden aufmachen, der nur T-Shirts in einer Farbe und einer Größe verkauft – weiß, Medium. „Medium White Tee.“ Der Traum wurde nie ausgeführt, aber ihn zu haben, trug durch die schwersten Entscheidungen. Komplexitätsreduktion als Sehnsuchtsort. Und es sagt viel: Selbst an der Spitze der Macht gesteht man sich die Überlastung ein und hält heimlich einen Notausgang bereit.
Der Verkauf wäre sicherlich nicht ganz unkompliziert und es ginge nicht von heute auf morgen, aber es ist eine Strategie, die mir auch immer gute Dienste geleistet hat. Was aber, wenn es diese Radikalität gar nicht bräuchte? Was, wenn es Lösungen gäbe, die uns im Außen kaum fordern, weil die Einladung eine andere ist? Überlastung und der Wunsch nach Einfachheit, Überschaubarkeit und Selbstwirksamkeit ist wunderbar und je weiter weg wir davon sind, desto mehr landen wir im Aushalten und Durchhalten. Die Gefahr ist, dass dieses Durchhalten irgendwann zur Normalität wird und dann hat uns das Hamsterrad fest im Griff. Und dann funktionieren wir, weil funktionieren ein altes Muster von uns ist. Weil Verantwortung tragen schon von Kindheit an ein Begleiter war, noch bevor wir sie hätten tragen können. Weil stark sein zu früh von uns gefordert wurde, weil wir so aufgewachsen
Woher der Druck kommt
Wenn wir verstehen wollen, warum wir sind wie wir sind, sind wir eingeladen hinzuschauen, woher wir kommen. Unsere Großeltern waren die Silent Generation, geprägt von Krieg, Armut, Weltwirtschaftskrise. Sie entwickelten einen stark ausgeprägten Überlebenswillen. „Junge, iss doch.“ ist ein Satz von meiner Oma, der bleibt und er sagt so viel aus. Es ging ums Überleben, keinen Hunger leiden müssen und kräftig sein für harte Arbeit. Sie waren sparsam und vorsichtig, wer weiß, wann die nächste Krise anklopft. Sie waren fleißig bis zur Erschöpfung, pflichtbewusst bis jenseits der eigenen Bedürfnisse, denn für die war im Krieg kein Platz. Sie passten sich an und respektierten Autoritäten. Emotionen verkümmerten oder waren oft schambehaftet und wichen einer Sachlichkeit oder Härte, denn „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Sie wuchsen auf mit Struwwelpeter, wo Konrad vom Schneider der Daumen abgeschnitten wurde, weil er an ihm nuckelte. In meinem Bücherregal stand es auch noch, heute undenkbar. Sie zogen ihre Kinder auf, um sie auf eine raue Welt vorzubereiten. Das waren dann die Babyboomer. Eine Generation aufgewachsen mit der übernommenen Überzeugung, die Welt ist nicht sicher. Emotional sind sie entsprechend zurückhaltend bis überfordert und zeichnen sich durch einen tiefen Pragmatismus aus. Früh in Verantwortung, emotionale Bedürfnisse waren weniger wichtig als Leistung, Disziplin und Funktionieren. Sicherheit und Wohlstand als Triebfeder und materielle Bestätigung, um das emotionale Loch zu füllen.
Daraus schnürt sich ein Teil unseres Pakets, das ich in 25 Jahren Coaching in unzähligen Varianten kennenlernen durfte.
Innen und Außen
Heute sind wir weiter, Emotionalität wird eher als Leistungsermöglicher denn als Verhinderer verstanden und als wichtige Funktion von uns Menschen. Beziehung, Herzlichkeit, Vertrauen und psychologische Sicherheit finden langsam Einzug in unser Miteinander und doch – wer so noch aufwuchs, ist tief geprägt. Warum erzähle ich davon? Weil es diese Prägungen sind, die uns heute auf die Füße fallen. Sie haben uns geholfen, erfolgreich zu werden, Gas zu geben und die Überholspur zu nehmen. Aber bei vielen von uns nicht aus Freude und Leichtigkeit, sondern aus Getriebenheit und innerem Druck. Druck, der schon immer ein treuer Begleiter ist, weil wir ihn von den Eltern übernommen haben. Wenn wir heute also überlegen, ob wir unser Unternehmen, unser Projekt, unser Start-Up verkaufen, um endlich den Druck nicht mehr zu haben. Um endlich durchatmen zu können und zur Ruhe zu kommen, dann kann das eine Strategie sein. Meine Erfahrung ist eine andere. Denn der Druck ist in uns, nicht im Außen. Es ist unsere Prägung, manchmal fühlt es sich schon an wie Identität. Aber es ist nur ein Muster, ein Umgang mit Anforderungen und Forderungen, es ist immer noch der Druck der Eltern, der in uns nachhallt, Jahrzehnte nachdem er zuletzt ausgesprochen wurde.
Bevor wir also im Außen unser Lebenswerk abstoßen, lohnt sich eine Frage: Ist das, was wir loswerden wollen, wirklich das Unternehmen, oder nur die alten Muster und Prägungen, die uns so sehr weitermachen lassen obwohl wir erschöpft sind? Denn so wie Muster entstehen, können sie sich auch verändern, wenn wir sie bearbeiten. Das ist die gute Nachricht und vielleicht eine der größten Aufgaben von uns Unternehmern, Selbständigen und Kreativen: zu lernen, innen und außen zu unterscheiden. Vergangenheit von Gegenwart. Den Druck, der wirklich von heute kommt, von dem, der nur nachhallt. Über die Muster, die dahinterliegen, habe ich ein eigenes Stück geschrieben.
Herzlich,
Simon Holz