Alles ist Übergang

Kindheit über Übergang

Es gibt diesen Konsens, dass das Leben in den ersten 20 Jahren voller Übergänge steckt. Angefangen vom Übergang aus dem Bauch auf die Welt, vom Schreien zum Sprechen, vom Füttern zum Gabelhalten, vom Kindergarten in die Schule, vom Kinderzimmer in die WG und vom Fahrrad ins Auto. All das sind gewaltige Übergänge, die wir in dieser Zeit meistern, und die geben sich die Klinke in die Hand. Wir nennen es Aufwachsen oder Erwachsenwerden und wundern uns nicht darüber. Genauso wenig wundern wir uns darüber, dass diese Fülle an Übergängen mit dem Erwachsensein scheinbar aufhört, oder zumindest drastisch an Fahrt verliert. Noch mehr: Für viele sind Stabilität, Kontinuität und „Ankommen“ wichtige Werte, die beinahe wie Bremsen wirken, als wollten wir gerne weniger Übergänge haben im Leben. Und was in den ersten 20, sagen wir 25 Jahren noch die Regel war, wird immer mehr zu einem Ausnahmezustand, den es zu vermeiden oder zumindest schnell zu beenden gilt.

Veränderung ist Übergang

Mir wurde über die Jahre immer klarer, dass gerade der Übergang einer der wichtigsten Orte ist, in denen wir verweilen lernen sollten. Natürlich können wir uns von einem Partner trennen und sofort die nächste Beziehung beginnen und den Übergang kurz halten, wer ist schon gerne alleine? Natürlich können wir den alten Kunden so lange halten, bis wir sicher den neuen haben, wer hält schon gerne Trockenphasen aus? Natürlich können wir sofort das nächste Projekt starten, wenn das vorherige auf der Zielgerade ist, Zeit ist schließlich Geld.

Aber es ist der Zwischenraum, der Ort zwischen Loslassen und Anfangen, dieser Ort, der sich wie Kontrollverlust anfühlt, in dem wir überhaupt eine Chance haben zu wachsen. Es ist der Ort, an dem sich entscheidet, ob wir all die alten Muster wieder mitnehmen und dieselben Fehler wieder machen, oder ablegen. Der einzige Ort, an dem Veränderung wirklich stattfindet, weil wir nicht abgelenkt sind von Lärm und Verantwortung.

Abkürzen oder Loslassen

Nur: Abkürzen fühlt sich effizient an, und Niemandsland aushalten macht Herzpochen, ist unbequem, macht unwohl und ist ungewohnt. Denn als Unternehmer und Unternehmerinnen haben wir zutiefst verinnerlicht zu funktionieren. Und wer über Jahre und Jahrzehnte funktioniert, der hält nun mal Leere nur schlecht aus. Es macht Angst, fühlt sich wie Versagen an und reißt einem schlimmstenfalls den Boden unter den Füßen weg. Woran soll ich mich klammern, wenn ich das alte Geländer losgelassen habe, aber das neue noch nicht in Sicht ist?

Der Übergang ist der Arbeitsraum und der Raum für Veränderung und Besserwerden. Der Raum, der uns konfrontiert mit unseren Sorgen, Ängsten und Abgründen – und wenn wir sie durchgearbeitet haben, dann auch mit unseren Wünschen, großen Ideen und unserer Kraft. Darum gilt es durchzugehen, statt abzukürzen.

Das Schwerste ist das Loslassen, denn wer funktioniert, glaubt immer mehr, dass Loslassen dazu führt, dass Dinge zusammenbrechen. Als würde das Auto abrupt stehenbleiben, wenn man vom Gas geht, und diese Gehirnerschütterung gilt es zu vermeiden, wenn unser Kopf in unserer Fantasie gegen das Lenkrad knallt.

Innen und außen. Immer wieder.

Doch was, wenn all das nicht passiert? Wenn das alles nur unserer Angst vor dem Übergang entspringt? Was, wenn es etwas gäbe, das trägt? Das hält, ohne auseinanderzufallen? Was, wenn unsere Ängste alte Begleiter sind, die uns schon immer antreiben, effizienter machen, Übergänge abkürzen lassen, um das Nächste nach vorne zu bringen? Was, wenn diese Ängste und Sehnsucht nach Anerkennung, Sicherheit und Liebe ein wichtiger Motor unseres Erfolgs waren? Und was, wenn sie gleichzeitig dafür gesorgt haben, dass wir an all den Übergängen vorbeigerauscht sind, wie mit 350 km/h im ICE an einem Baum vorbeigeschossen? Was, wenn wir all die Chancen liegengelassen haben, die uns eingeladen haben, alte Muster loszulassen, die uns längst nicht mehr dienen? Und was, wenn genau diese Muster es heute so zäh und schwer machen, weil wir sie zu lange schon mit uns herumschleppen?

Ich hatte Glück und Pech gleichzeitig, denn ich konnte nie anders, als die Übergänge zu gehen. Ich wurde schlichtweg krank, jedes Mal, wenn ich abkürzen wollte. So krank, dass ich es nicht ignorieren konnte und erst wieder genesen bin, wenn ich den Übergang ausgeschöpft habe. Ich habe mich viele Jahre gefühlt, als wäre es eine Strafe, weil ich es mir auch mal leicht machen wollte, weil ich nicht immer in die Tiefe tauchen und durch all die Emotionen gehen wollte, aber da gab es keine Entscheidung. Heute bin ich tatsächlich dankbar, weil mir genau diese Übergänge keine Angst mehr machen und ich dieses tiefe Vertrauen ins Leben entwickle, dass es am anderen Ende besser, leichter, lebendiger, reicher, you name it, sein wird.“

Die Logik ist einfach

Und die Logik ist banal wie bestechend: Übergänge kommen dann, wenn etwas Altes nicht mehr funktioniert und es eng wird. Wenn etwas ausgedient hat und wir es einfach nicht zeitig genug angegangen sind. Fahren, bis der scheppernde Auspuff doch noch abfällt, nur weil man nicht in die Werkstatt will. Das sind unsere alten Muster, unser Vermeiden und Umschiffen – dazu habe ich ein eigenes Stück geschrieben. Und natürlich sind alte Muster mit alten Erinnerungen verbunden, und natürlich sind die auch mal schmerzvoll. Eine Coachee sagte mal „Of course it hurts“, aber eben nur ein paar Mal, und dann ist dieser Punkt durch, bestenfalls für den Rest Deines Lebens, und natürlich wird es danach leichter.

Du bist dran

Also: In oder vor welchem Übergang stehst Du gerade, oder schon lange? Wo willst Du nicht loslassen oder versuchst abzukürzen? Wo bräuchte es Mut, innezuhalten und den Übergang als wichtigen Teil unseres Lebens auszuschöpfen, zu durchleben und zu erleben, dass uns nichts passiert, außer dass starke Emotionen hochkommen?

Warum teile ich diese Gedanken mit Dir als Unternehmer/in? Weil es genau diese Übergänge sind, die das Unternehmen entweder blühen und wachsen lassen, wenn wir den Mut haben, sie zu gehen. Oder alles mit der Zeit schwer und zäh machen, wenn wir uns davor drücken. All die Herausforderungen mit Kunden, Produkten, Prozessen, Schnittstellen, Zusammenarbeit sind am Ende nur Gradmesser dafür, wie offen Du an Dir und dem Unternehmen arbeitest, weil Du Dich an die Übergänge heranwagst – oder wie sie klemmen, weil Du Dich nicht traust zu tun, was ansteht.

Wenn wir uns das trauen, dann fangen wir vielleicht wieder an, genauso wunderbare Sprünge und Schritte zu machen wie Kinder in den ersten 20 Jahren. Und hören bestenfalls nie auf damit.

Herzlich,

Simon Holz

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