Schleppen oder Tragen?

Wie ein kleiner Unterscheid über unser Wohlergehen entscheidet.

Du hältst zusammen

Das E-Mailpostfach quillt über, Meetings füllen die To-Do-Listen, Kunden erwarten Rückrufe, weil etwas noch nicht passt. Vielleicht hast Du Mitarbeiter/innen und auch da scheint die Stimmung gerade nicht so tragend zu sein. Vielleicht kennst Du diese Tage, aber dieser fühlt sich anders an. Heute willst Du einfach gehen, nach Hause, und vergessen, dass Du in Verantwortung bist. Die Freude ist irgendwo abhandengekommen und was sonst Spaß gemacht hat, wird zur Pflichtveranstaltung. Die Wochenenden werden getragen von einem Gedanken an den nächsten Montag.

Aber Du hältst alles zusammen, Du bist Profi, und wenn jemand fragt, wie es Dir geht, antwortest Du professionell „läuft gut“ und hörst Dich selbst lügen, ohne lügen zu wollen. Aber Du bist es gewohnt, stark zu sein, und darum erzählst Du niemandem davon. Schon seit Monaten nicht. Jedes einzelne Mal entscheidest Du Dich fürs Starksein, fürs Weitermachen. Denn Dein Team soll sich sicher fühlen und die Familie soll sich keine Sorgen machen. Das geht schon wieder vorbei, tat es doch immer in all den Jahren, aber irgendwie fühlt es sich heute nicht mehr wie Tragen an, sondern wie Schleppen.

Es ist immer zu viel

Auf den ersten Blick könnte man meinen, es ginge um dieselbe Tätigkeit und vielleicht sogar dasselbe Gewicht. Man könnte meinen, es ist nur Sprachstil, aber lass uns kurz innehalten und die Lupe anlegen. Wir sind es gewohnt zu tragen – Verantwortung, Entscheidungen, Risiken, all das ist Teil dessen, wofür wir uns eines Tages entschieden haben. Dieses Tragen kostet Kraft, keine Frage. Als Unternehmer ist es immer zu viel. Als ich mir damals meine Agentur aufbaute, fragte mich ein befreundeter Unternehmer „Na, auch schon den guten Schlaf eingebüßt?“, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und tatsächlich hatte er recht, mit steigender Verantwortung stieg im gleichen Maß auch die Anzahl wacher Nächte.

Es ist so viel, was wir auf dem Schirm haben müssten. Gesetze, Vorgaben, Änderungen, Entwicklungen, Trends. Wer kurz recherchiert, kommt auf grob 1.800 Bundesgesetze mit über 52.000 Einzelnormen und fast 3.000 Rechtsverordnungen – alle in unseren Rucksäcken, und jede einzelne wiegt. Nicht viel, aber in Summe spürt man die Gurte, wie sie auf den Schultern drücken. Niemand sieht das, außer diejenigen, die selbst diesen Rucksack tragen. Und solange wir für das Tragen etwas zurückbekommen, ist das der Tausch, den wir jeden Tag eingehen. Wir werden belohnt mit zufriedenen Mitarbeiter/innen, wunderbaren Kunden und Kundinnen, mit Erfolg und Gewinn, Lebensstandard.

Tragen gibt, schleppen kostet.

Aber es gibt diesen Kipppunkt. Es ist nicht gleich eine Erschöpfung, es ist auch keine Krankheit. Es ist ein Kipppunkt, der weniger ein konkreter Punkt ist als eine Strecke, ein Abschnitt, eine Phase. Kaum einer bemerkt ihn, weil er sich anschleicht und aus dem gewohnten Tragen immer mehr ein Schleppen macht. Tragen gibt zurück, Schleppen kostet. Wenn wir tragen, wissen wir wofür, weil wir wissen wohin. Aber wenn wir nur noch schleppen, dann macht es Dich leer und es kommt nichts Absehbares.

Niemand wacht auf und denkt sich: Seit gestern schleppe ich. Es wird schleichend Alltag, und Alltag hinterfragen wir kaum. Und doch gibt es die Anzeichen, die uns anstupsen. Es ist die Erholung, die nicht mehr erholt. Das Wochenende ist vorbei, aber die Müdigkeit ist stabil. Wir lächeln aus Höflichkeit, weil wir die Stimmung nicht verderben wollen, aber eigentlich fehlt die Freude und Leichtigkeit etwas. Entscheidungen, die wir lange aus dem Ärmel geschüttelt haben, fühlen sich ungewöhnlich komplex an und werden immer schwieriger zu treffen. Kleinigkeiten reizen uns, die uns sonst kaum berührt haben. Warum wir all die kleinen Warnhinweise am Wegrand übersehen? Vielleicht weil Weitermachen unsere Kernkompetenz ist. Weil Weitermachen Sicherheit bringt. Weil Warnhinweise auch als Signal aufgefasst werden könnten, dass wir noch nicht genug tun und eine Schippe drauflegen müssen. Die Warnhinweise werden dadurch weniger zur Bremse als zum Brandbeschleuniger und lassen uns das Gegenteil dessen tun, was es bräuchte. Denn die Hinweise sorgen dafür, dass wir alarmiert bleiben, wachsam, glauben handeln zu müssen. Es kann sich relevant anfühlen, manchmal sogar ernst, und wir kämen gar nicht auf die Idee innezuhalten.

Schleppst du schon?

Die Frage, die uns innehalten lässt, weniger die Antwort: Trägst Du noch oder schleppst Du schon? Und seit wann? Dieser kleine Moment, in dem wir den Mut finden, diese Frage zuzulassen, ist der Anfang des Aufbruchs. Nicht noch mehr zu tun, weil es immer mehr zu tun gibt, als wir leisten können. Es ist der Moment, zu unterscheiden. Warum uns das Unterscheiden all die Zeit nicht auffiel? Weil die wenigsten von uns gelernt haben hinzuhören. Nicht auf das, was um uns herum passiert, sondern auf das, was in uns passiert, während so viel im Außen passiert. Hier beginnt der Weg hin zu unseren eigenen Mustern. Aber das ist Schritt 2, später – dazu habe ich ein eigenes Stück geschrieben. Jetzt nicht noch ein To-Do. Jetzt gilt es erstmal anzuerkennen und sich einzugestehen, dass Du mehr schleppst als trägst. Das wird in 10 Jahren rückblickend der Moment sein, an dem sich alles zu verändern begann. Jetzt gilt es nur, ihn auszuhalten, ohne gleich wieder etwas machen zu müssen. Ja, Du schleppst zu viel und hast Dich und Deine Bedürfnisse übergangen. Aus gutem Grund, mit bester Absicht. Jetzt darfst Du Dich langsam auf den Weg machen. Geh es an.

Herzlich,

Simon Holz

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