Muster sind alles

Muster sind Alles und Alles sind Muster.

Eine Einführung in die Musterarbeit

Warum dieser Text

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Das hier ist vielleicht der wichtigste Text, den ich zu meinem Thema schreibe. Es ist quasi die Essenz, nicht nur aus meiner eigenen Geschichte, sondern auch aus 25 Jahren Arbeit mit Unternehmen und Unternehmer/innen in tiefen Veränderungen. Darum will ich es gut machen und hoffe, meine Begeisterung und Zuversicht kommen an, denn Muster sind Alles. Alles, worum es geht, und was es braucht.

Station 1 • Rettungsdienst

Ich bin viele Jahre Rettungsdienst gefahren und war im Katastrophenschutz. In manchen dieser Unternehmen geht es noch sehr hierarchisch zu, gerade weil es im Falle von Großschadensereignissen funktionieren muss. Ich tat mir immer irrsinnig schwer mit diesen autoritären Männern, gerade dann, wenn sie Entscheidungen getroffen haben, die weder dem Unternehmen noch den Mitarbeitern geholfen haben, nur ihnen selbst, aber anders verkauft wurden. Ich tat mir so schwer damit, dass es mich innerlich zerrissen hat zwischen einem Gefühl, eingeschüchtert zu sein, und einer Wut, weil es ungerecht war, was passierte. Ich wollte schreien und verstummen zur selben Zeit. Lange dachte ich, dass es dieses Business ist, der Katastrophenschutz mit seiner kulturellen Nähe zur Bundeswehr. Ich fand ein Narrativ, das mir half, es von mir wegzuhalten und zu glauben, dass ich einfach im falschen Film gelandet bin.

Station 2 • Nachtleben

Jahre später war ich kein Sanitäter mehr, ich war DJ und hatte eine Residency im Münchner P1, zu seiner Zeit ein weltweit bekannter Nobelclub, der Promis nur so anzog. Ich spielte abends und Depeche Mode waren da, Jamiroquai, Prince, und es war normal, denn dort ging man eben hin, wenn man gerade in München war. Die Geschäftsführung war entsprechend überzeugt von sich und der Umgang mit dem Personal war nicht zimperlich. Wieder diese Männer, wieder diese Art, wieder dachte ich mir, naja, es ist DER Club, wenn nicht hier arrogant, wo dann? Wieder zerriss es mich, weil ich mich dem ausgeliefert fühlte, weil ich froh sein konnte, einer von 4 Resident-DJs zu sein. Noch dämmerte es mir nicht, dass all die Schwierigkeiten weniger an diesen Männern lagen als an dem, was sie in mir auslösten. Irgendwann hörte ich dort auf, ich war so blockiert beim Auflegen, weil ich all meine Wut so lange runterschluckte, bis meine Kreativität begraben war.

Station 3 • Coaching

Irgendwann studierte ich und wurde Coach und Überraschung: Ich lernte Geschäftsführer kennen, die ich coachen durfte, und welchen Typ Mann fand ich erneut? Genau den, der meine Knöpfe drückte und mich innerlich klein machte, während ich nicht wusste, wohin mit meiner Wut. Nur diesmal kam ich nicht aus. Ich hätte natürlich weiterhin die Schuld auf die autoritären Silberrücken schieben können, aber das hätte ja geheißen, niemand könnte mit diesen Menschen. Aber so war es nicht, manche Kollegen nahmen die mit links, konfrontierten und spiegelten sie und ein richtiges Arbeiten wurde möglich. Das war der Moment, in dem mein Narrativ einen Riss bekam.

Eins meiner Muster

Was, wenn es an mir liegt? Was, wenn ich den Rettungsdienst nicht aushielt, beim Auflegen meine Kreativität verlor und im Coaching einknickte, weil ich etwas an mir nicht bearbeitet habe? Was, wenn die anderen keine Schuld hatten und ich meine Themen auf sie projizierte? Natürlich macht es diese Herren nicht sympathischer, aber vielleicht macht es sie unspektakulärer oder weniger bedrohlich?

Mir wurde immer deutlicher, dass ich ein Muster mit mir herumtrug, an das ich mich Jahre und Jahrzehnte nicht herantraute. Es war die Einschüchterung vor autoritären Männern, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Statt wütend zu werden oder mich abzugrenzen, landete ich in meiner Unruhe, Sorge, Angst, Angepasstheit, unterdrückter Wut und war mehr damit beschäftigt, mich zu regulieren, als mit dem anderen zu diskutieren. Wie schafften die es, mich und mein Nervensystem in so einen Ausnahmezustand zu katapultieren? Ich hatte eine wunde Stelle, die nicht ausgeheilt war, weil ich sie nie verarztet habe. Sie blieb offen, weil ich sie jahrelang ignorierte und so tat, als wäre da nichts.

Was es kostete

Dieses Muster, dieses eine kleine Muster, das man vielleicht zusammenfassen könnte in: „Autoritäre Männer sind bedrohlich, also halte die Füße still und zeig bloß nicht deine Wut“, hatte einen immensen Einfluss auf mein Leben. Es sorgte dafür, dass ich meinen erlernten Beruf aufgegeben habe. Es hatte sogar wirtschaftliche Auswirkungen, denn es machte den Unterschied, ob ich so gut auflegte, dass der Club 30.000 oder 50.000 Euro Umsatz machte. Es waren nie die Platten, die ich dabeihatte. Später entschied dieses Muster, ob ich Aufträge über eine halbe Million nach Hause holte oder eben nicht. Es war nie das Produkt, das ich vorstellte.

Ich hätte sagen können, so bin ich halt, weil es sich wie Identität anfühlt, mit jeder neuen Erfahrung mehr. Aber es war nur ein Muster, ein altes Muster, das so stark war, dass Strategie, Mindset oder sich Verhalten vornehmen nicht ausreichten, um Veränderung herbeizuführen. Muster lösen sich dann auf, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben und nicht mehr gebraucht werden. Ein Teil von mir musste also verstehen, dass autoritäre Männer nicht mehr gefährlich sein können für mich, und so einfach und logisch das klingt, war das ein Prozess, der mein Innerstes berührte, denn ich war skeptisch. Ich hatte zu viele Gegenbeispiele, die ich sofort ausspielen konnte. Doch mit der Zeit begriff ich, dass dies ein altes Schutzmuster war, und ich ließ mich auf neue Erfahrungen ein, die dazu führten, dass diese autoritären Männer sich auch nur als Menschen herausstellten, die sich genauso schützten. Ab diesem Moment konnte ich ihnen helfen, dafür bessere Lösungen zu finden.

Die Einladung

Die Einladung heißt hier, neugierig zu werden. Welche Muster trägst Du mit dir herum, die sich wie Realität und Identität anfühlen und sich verankert haben als „die Welt ist halt so“, „andere sind halt so“, „ich bin halt so“, „so ist Business eben“, „so ist Führen eben“ usw.? Du musst für einen ersten Schritt nichts weiter tun, als Dich zu wundern und mutig alles infrage zu stellen. Dann öffnen sich Türen und Übergänge werden möglich – dazu habe ich ein eigenes Stück geschrieben. Manche dieser Muster sind klein und offensichtlich, manche zeigen sich erst in der Rückschau mehrerer Jahrzehnte. Ob das anstrengend ist? Natürlich ist es das, aber es ist weit weniger anstrengend, als den Rettungsdienst aufzugeben, jahrelang angespannt hinter DJ-Kanzeln zu stehen und Menschen zu coachen, die in einem Alarm auslösen. Denn nichts ist anstrengender als auszuhalten, was längst ausgedient hat.

Herzlich,

Simon Holz

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