Notiz · 10. August 2026

Beziehungsangebote

Natürlich sind wir erwachsen, ein Blick in den Ausweis reicht dafür.

Wir leben in Wohnungen und Häusern, haben Partnerschaften, vielleicht Kinder, wir haben Berufe und wir schlagen uns mit all den Regeln und Vorgaben herum, die so ein Erwachsenenleben bietet. In diesem Erwachsenenleben haben wir Beziehungen, alle Arten davon: Zu Eltern, Kindern, Partnern, Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten und nicht zuletzt zu uns. Nun könnten wir auch hier vermuten, dass zwei erwachsene Menschen eine erwachsene Beziehung pflegen und doch fühlen wir uns regelmäßig darin gar nicht so erwachsen. Wir werden unsicher, schämen uns, sagen nichts, halten aus und tun all die Dinge, die wir als Kinder schon getan haben.

Denn in genau dieser Zeit entstehen sie, die Beziehungsvereinbarungen und -angebote. Stell Dir vor, Du wächst auf mit Eltern, die nie geschafft haben, bei sich hinzuschauen, weil sie selbst schon eine unheilvolle Beziehungsvereinbarung mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin hatten. Was, wenn deren Vereinbarung irgendwann hieß: Ich liebe Dich zwar nicht mehr, aber ich bleibe bei Dir, weil Du mir Sicherheit gibst. Dafür kümmere ich mich ums Geldverdienen oder den Haushalt und versorge Dich, oder wie auch immer das Gegengeschäft lautete.

Natürlich sprechen wir solche Vereinbarungen nicht aus. Solange diese beiden Menschen unter sich bleiben, laufen solche Vereinbarungen oft stabil über Jahrzehnte. Kommen Kinder dazu, die diese Vereinbarung nicht kennen und auch nicht verstehen, weil sie sich nach Liebe, Zuneigung, Sicherheit, Verbundenheit, Ehrlichkeit, Leichtigkeit und Spielen sehnen, fangen sie nun an, diese Vereinbarungen zu stören. Sie fragen nach, warum sich die Eltern denn nie umarmen, warum sie sich keine Bussis geben, warum warum warum.

Und plötzlich sind die Eltern auf sich zurückgeworfen und nutzen entweder die Chance, hinzuschauen, oder sie verdrängen und dann entsteht die nächste Beziehungsvereinbarung mit dem Kind. Die lautet dann vielleicht so: Wir haben Dich lieb und versorgen Dich, aber nur, wenn Du keine Fragen mehr stellst, Dich zurückhältst und so tust, als wärst Du hier glücklich mit uns.

Weil wir Kinder die Liebe der Eltern sicherstellen müssen, nicht zuletzt aus Überlebensstrategien heraus, gehen wir auf den Deal ein und lernen so, wie Beziehungen funktionieren. Unbewusst, tief und intensiv.

Jahrzehnte später ist aus diesem Kind ein Unternehmer oder eine Geschäftsführerin geworden, die Harmonie hochhält, Konflikte nicht angeht und Dinge, die nicht gut laufen, nicht anspricht. Denn was passiert, wenn man sie anspricht, läuft als alte Wahrheit immer noch mit. Nun ist dieser Mensch aber nicht mehr 5, sondern 50 und so verlagert sich der Konflikt nach innen und wilde Verhandlungen drehen ihre Bahnen.

50

Eigentlich müsste ich als Entscheider/in mit meinen Leuten reden, denn das geht so nicht weiter. Ich habe keine Lust mehr, alles auszubügeln und zu tragen, und die machen sich ein schönes Leben.

5

Wenn Du das sagst, schnürt es mir den Hals zu. Du weißt, wie schwer es ist, Personal zu finden. Wenn wir die jetzt kritisieren, dann sind die vielleicht weg oder melden sich krank. Bitte sag nichts, bitte. Lass uns das selbst machen, wie immer, und weiter lächeln.

50

Ich habe schon Muskelkater im Gesicht vor lauter Lächeln und eigentlich ärgere ich mich. Ich ärgere mich schon so lange. Können wir nicht endlich mal mutig sein? Das ist mein Laden, ich bezahle diese Menschen, dann werde ich doch auch sagen können, was sie tun sollen.

5

Warte, warte. Ja, aber das irritiert die doch völlig, wenn wir plötzlich anfangen, kritisch zu werden. Du kannst das nicht einfach so machen. Du stößt die vor den Kopf. Komm schon, so wichtig ist das auch nicht. Ich kann sonst nicht mehr ruhig schlafen.

50

Ok, das will ich natürlich auch nicht. Ich will ja, dass es Dir gut geht. Und stimmt schon, so wild ist es ja nicht.

Diese Dialoge gibt es in allen Variationen, mit und ohne körperliche Symptome, weil unterdrückte Wut und Angst sich irgendwann im Körper zeigen. Mit und ohne Fitnessstudio, Joggen, Boxcenter, um den Ärger irgendwie anderweitig loszuwerden. Mit und ohne Supplements, weil den Ärger über Jahre runterschlucken irgendwann erschöpft.

Wohin wir schauen, haben wir immer gleichzeitig eine Beziehung als zwei Erwachsene, aber immer auch eine Beziehung als zwei Kinder. Nur solange unsere alten Beziehungsverabredungen gelten, weil wir alles andere nicht aushalten würden, bestimmen die verunsicherten Kinder.

Was, wenn wir ihnen zuhören und verstehen, was ihnen bis heute fehlt, weil es nie Teil des Deals war, früher, mit den Eltern? Was, wenn wir lernen würden, diesen Kleinen die Sicherheit zu geben, dass sie jedes Bedürfnis aussprechen dürfen, ohne dass etwas Schlimmes passiert? Was, wenn wir alle begreifen würden, dass immer zwei Erwachsene und zwei Kinder miteinander sprechen, und offen damit umgehen? Was, wenn der Erwachsene in Dir, der das gerade noch sehr abwegig findet, Erfahrungen macht, die hilfreich sind? Und was, wenn dadurch die Dinge anfangen, besser zu laufen, in Beziehungen, in der Familie und im Business? Was, wenn es nicht an Kommunikation, Vorgaben und Strukturen liegt, sondern an unserer Fähigkeit, erwachsen miteinander zu sein?

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